Tag 8 - Entdecke Deinen Anfängergeist
Heute geht es im Audio darum, wie wir die Stellen, in uns, die Schwierigkeiten haben, unterstützen können, sich leichter zu bewegen:
Wie sprichst Du mit Dir selbst, wenn keiner zuhört?
Der Anfängergeist ist eine Methode und ein Resultat der buddhistischen Praxis.
Buddhismus ist übrigens keine Religion, sondern eine Methode, um das menschliche Potenzial weitestgehend zu entfalten. Vieles davon fließt heute schon in Psychologie, Pädagogik und auch Business Management ein.
Als Anfängergeist wird eine Haltung bezeichnet, die möglichst unvoreingenommen, also offen, an die Dinge heran geht. Statt gleich einzuordnen, ob etwas gut oder schlecht ist, ob ich besser oder schlechter als andere bin etc. einfach mal zu schauen, was da ist und was geschieht. Als Anfänger gehe ich davon aus, dass ich immer etwas dazu lernen kann, daher Anfängergeist.
Leichter gesagt als getan. Wie wir uns inzwischen sehr bewusst sind, sind wir vor-geprägt von unseren Lebenserfahrungen, von unseren Gewohnheiten und von unserem Welt- und Selbstbild.
Auch biologisch sind Vor-Urteile lebenswichtig. Es wäre evolutionär dumm, nicht auf bisher gesammelte Daten (Erfahrungen, die wir selbst gemacht oder beobachtet haben und Erzählungen von anderen über ihre Erfahrungen) zu zugreifen und Rückschlüsse daraus zu ziehen.
Es geht also nicht darum, sich dumm zu stellen und gutgläubig von einer Situation in die nächste zu stolpern.
Nein, beim Anfängergeist geht es darum, die Dinge sehr realistisch wahrzunehmen. So realistisch, dass wir uns auch von unseren bisher gemachten Erfahrungen und Vor-Urteilen nicht blenden lassen. Wir haben sie als Daten und Wahrscheinlichkeiten dabei, nehmen aber auch die Möglichkeit wahr, dass es anders sein oder ausgehen kann, als diese es uns vermitteln.
Ein Beispiel: Auch ich habe, als ich jung war, einige Jahre Zigaretten geraucht (wie schockierend, ich weiß :-)).
Und es hat mehrere Jahre gedauert, bis ich es geschafft habe, aufzuhören. Meine Freundinnen haben sich schon über mich lustig gemacht, denn ich habe immer abwechselnd nicht geraucht und dann doch wieder.
Ich habe "Endlich Nichtraucher" gelesen, mich vor dem Geschmack im Mund geekelt, mit meinem Ritual von Morgenkaffee und Zigarette gehadert, lange Abende in Kneipen mit meinen Freunden genossen und ganze Packungen geraucht.
Dann habe ich angefangen, mich zu beobachten, wenn ich geraucht habe, was der erste Zug aus der Zigarette mit mir macht. Was ich vorher fühle, was danach. Ich habe aufgehört, ständig mit mir zu hadern, sondern einfach versucht, zu verstehen, was da passiert.
Obwohl ich mich noch nicht mit dem Gehirn und Neuroplastizität beschäftigt hatte, war mir gleichzeitig klar, dass es nicht falsch war, immer wieder zu versuchen, aufzuhören, sondern dass ich es irgendwann schaffen würde. Ich hörte auf, mich zu verurteilen, wenn ich wieder rückfällig geworden war, und mich zu schämen dafür, dass ich so inkonsequent war.
Inzwischen rauche ich seit fast 20 Jahren nicht mehr - nie wieder, keine einzige Zigarette.
Wenn wir die Situation radikal so akzeptieren, wie sie ist (ich rauche, ich schaffe es bisher nicht aufzuhören, obwohl ich es möchte) und Anfängergeist entwickeln (ich gehe wohlwollend mit mir um ohne mich zu beurteilen oder verurteilen, und nehme einfach wahr, was da ist), dann wird sich etwas verändern.
Gibt es eine Situation, eine Gewohnheit, die Du verändern willst?
Wenn Du willst, probiere es doch mal aus:
1. Nimm die Situation und das, was Du tust wie ein Beobachter von außen wahr - wie siehst Du das Ganze, wenn es Deine Freundin oder jemand ganz Fremdes wäre, die oder der das macht.
2. Beurteile oder verurteile nicht. Das erfordert Übung. Wenn Du Dich dabei erwischst, dann akzeptiere das und setze nicht noch eins oben drauf, in dem Du Dich für das Beurteilen verurteilst.
3. Atme. Lenke Deine Aufmerksamkeit auf das Ein- und Ausatmen ohne bewusst den Atem zu verändern. Ein ruhiges Atmen lässt uns nicht nur zur Ruhe kommen, es vermittelt auch unserem Nervensystem: Alles in Ordnung. Wir können uns entspannen. So können wir auch Situationen, die wir als beunruhigend oder aufregend empfinden mit der Zeit besser meistern.
4. Finde Deine Möglichkeiten und lass Dir Zeit. Wenn Du die Situation von außen betrachtest und bei Dir und Deinem Atem bleibst, kannst Du analysieren, was für Möglichkeiten Du hast, etwas zu verändern. Am Anfang fällt Dir vielleicht nicht so viel ein, bleib einfach offen und gib dem ganzen etwas Zeit. Du musst nichts in diesem Augenblick ändern oder entscheiden. Das hast Du schon versucht und es hat bisher zu keinem Ergebnis geführt. Jetzt lass Dir Zeit.
5. Gehe immer mal wieder gedanklich in die Situation oder das, was Du verändern willst, hinein und lass es auf Dich wirken - ohne zu Urteilen, in Ruhe und ohne sofort eine Lösung finden zu wollen.
Das ist alles. Nimm den Druck raus, akzeptiere, dass es gerade so ist, wie es ist und sei offen für Möglichkeiten. Das ist mehr als genug und nicht so einfach, wie es klingt. Probiere es einfach und wende auch das Nicht-Beurteilen an 😉
Ich wünsche Dir viel Raum und Leichtigkeit, sehr herzliche Grüße, Evelyn