Tag 12 - Wie Dich Dein Gehirn unterstützt
Unsere Hände sind mit einem großen Teil unseres Gehirns vernetzt, weil wir sie für so vieles und so unterschiedlich nutzen. Mit unseren Händen be-greifen wir die Welt. Das bedeutet, wenn wir sie entspannen, dann entspannt sich ein großer Teil von uns.
Unser Gehirn kann nicht Nicht-Lernen
Während noch bis vor 20-30 Jahren auch in der Wissenschaft davon ausgegangen wurde, dass das Gehirn ab dem Erwachsenenalter nur noch abbaut, ist heute ganz klar, dass unser Gehirn sich in jedem Augenblick und bis ins hohe Alter verändert. Alles, was wir tun oder nicht tun und was wir erfahren, wird in unserem Gehirn verarbeitet und hinterlässt Spuren.
Neuroplastizität klingt nach Labor und Messgeräten, hat aber sehr viel mit unserem Alltag zu tun – und damit, wie wir auch mit 40, 50 oder 70 noch Neues lernen können. Das Gehirn wandelt sich ein Leben lang, vor allem dann, wenn Du ihm freundliche, angenehme Erfahrungen gönnst.
Neuroplastizität und lebenslanges Lernen – ganz praktisch
Seit einigen Monaten habe ich angefangen, in der App Duolingo auch Schach zu lernen (neben Spanisch, das ich seit einigen Jahren übe). Da ist das "lebenslange Lernen" für mich sehr eindrücklich zu beobachten.
Während ich mit Sprache ganz gut klar komme, sind Zahlen und mathematische Logik nicht so meins und Schach konnte ich vorher überhaupt nicht. In der App wird das aber gut Schritt für Schritt erklärt und geübt. Inzwischen merke ich, dass ich mehr verstehe, auch, wenn ich nie wirklich Züge im Voraus denken werde können (aber vielleicht täusche ich mich da ja). Bestimmte Kombinationen sind für mich nun leichter zu erkennen und ich habe Erfolge.
Die Art zu denken, die man für Schach braucht, ist völlig ungewohnt für mich, doch sie wird klarer oder vertrauter durch das Üben. Auch nach vier Lebensjahrzenten. Ich finde es aufregend und staune immer wieder, wie wir uns vielleicht selbst begrenzen statt einfach dazu zu lernen.
Viele von uns kennen dieses leise Misstrauen dem eigenen Gehirn gegenüber: „Früher habe ich mir das alles leichter gemerkt.“ Gleichzeitig lernen wir ständig: neue Wege im Stadtviertel, Namen von Kolleginnen, Bewegungsabläufe im Sport, Abläufe im Job. Neuroplastizität beschreibt genau das: Unser Nervensystem baut seine Verbindungen um, je nachdem, was wir häufig tun, denken und fühlen. Und das hört nicht mit 25 auf.
Wie sich Neuroplastizität im Lauf des Lebens verändert
Trotzdem ist nicht jede Lebensphase gleich. Als Kinder und Jugendliche sind wir extrem anpassungsfähig. Sprache, Bewegung, soziale Regeln – das alles saugen wir förmlich auf. Unser Nervensystem ist darauf eingestellt, sich rasch zu reorganisieren.
Im Erwachsenenalter wird unser System ein wenig „wählerischer“. Es lernt weiter, aber gezielter. Was für uns wichtig ist, sinnvoll erscheint und häufiger vorkommt, bekommt Vorrang. Das ist einerseits praktisch (wir müssen nicht alles neu verhandeln), hat aber einen Preis. Eingefahrene Muster – ob im Denken, Fühlen oder Bewegen – halten sich ganz schön hartnäckig.
Im höheren Alter ist die Plastizität nach wie vor da, nur langsamer. Neue Dinge brauchen manchmal mehr Wiederholung, mehr Pausen und mehr Bedeutung. Das heißt nicht, dass „es sich nicht mehr lohnt“. Im Gegenteil: Gerade dann können kleine neue Erfahrungen, die sich gut anfühlen, erstaunlich viel verändern – manchmal als spektakuläres Aha, manchmal als allmähliche Verschiebung im Hintergrund.
Warum angenehme Erfahrungen so wirksam sind
Wir lernen nicht nur über Anstrengung und Zähne zusammenbeißen. Unser Nervensystem reagiert besonders stark auf Erfahrungen, die emotional bedeutsam sind – und dazu zählen auch angenehme Momente: Erleichterung, Neugier, leises Vergnügen, Überraschung, wenn etwas plötzlich leichter geht.
In der Körperarbeit, auch in der Feldenkrais-Methode, nutzen wir genau das. Wenn eine Bewegung leichter, flüssiger oder einfacher wird, registriert das Gehirn: „Oh, das fühlt sich stimmig an. Mehr davon.“ Je sicherer und wohler wir uns dabei fühlen, desto eher lässt das Nervensystem alte Schutzmuster ein wenig los und probiert etwas Neues aus.
Oft haben wir eher über Druck gelernt: „Reiß Dich zusammen“, „Stell Dich nicht so an“, „Nur wenn Du Dich ordentlich anstrengst, zählt es“. Unser Nervensystem speichert solche Erfahrungen mit (negativer) Spannung ab. Wenn wir anfangen, über angenehme, gut dosierte Erfahrungen zu lernen, bekommt das Gehirn neue Daten: Veränderung kann sich sicher, freundlich und machbar anfühlen.
Wenn Du magst, nimm Dir heute einen Moment für diese Frage:
Wann in den letzten Tagen oder Wochen hast Du gemerkt, dass Du etwas Neues gelernt hast – und es war mit einer angenehmen, vielleicht sogar leichten Erfahrung verbunden?
Das kann etwas Kleines sein: ein neuer Handgriff in der Küche, ein anderer Weg zur Arbeit, eine neue Schlafposition, ein veränderter Umgang mit jemandem, der Dir wichtig ist. Wie hast Du Dich dabei gefühlt? Und was sagt Dir das darüber, wie Du heute am liebsten lernst?
Wenn Du möchtest, probiere heute zwei Dinge aus:
- Schreibe Dir Deine Antwort auf die Frage kurz auf – ein, zwei Sätze reichen. Damit gibst Du Deinem Gehirn ein klares Signal: „Ich kann noch lernen, und das darf sich gut anfühlen.“
- Wähle eine kleine Sache, die Du schon länger „mal testen“ wolltest und setze es um: eine andere Sitzposition am Schreibtisch, ein neuer Weg zum Supermarkt, eine winzige Veränderung in Deiner Abendroutine. Nichts Großes oder Aufwendiges, einfach etwas, bei dem Du neugierig beobachten kannst, wie es sich anfühlt.
Ich wünsche Dir, dass Du vieles entdeckst, das Dein Gehirn heute schon lernt oder lernen kann, sehr herzliche Grüße, Evelyn
Wenn Du weiterlesen willst: Das neuroplastische Gehirn - von der Kostbarkeit des Augenblicks