Tag 13 - Du kannst nichts falsch machen

Mit den Augen ist es ähnlich wie mit den Händen. Wenn wir sie entspannen, wirkt das auch stark auf unsere Spannung insgesamt. Und sie haben eine direkte Verbindung zum Nacken. Das Audio heute kannst Du am besten im Liegen oder im entspannten Sitzen machen:

Gerade gestern ist es mir wieder passiert: plötzlich waren die Audios von meinen Kursen diese Woche einfach verschwunden aus dem Aufnahmeprogramm - so ist mir das noch nie passiert. Alles weg.
Doch ich habe gar nicht so dramatisch wie sonst reagiert, mich nicht innerlich beschimpft: Wie konnte das passieren?! Du hättest sie gleich bearbeiten sollen. Was soll ich nun den Teilnehmern, die darauf warten, sagen? Das kam dieses Mal nicht. Das fiel mir auf, weil es neu war. Stattdessen war da Akzeptanz: Oh, die Audios sind verschwunden. Wie kann ich damit umgehen? Ein früheres ähnliches Audio suchen und mit einer Entschuldigung das schicken. Problem gelöst.

Völlig kritikfrei war ich übrigens dann auch nicht. Es hat mich etwas gewurmt. Es waren gute Stunden, die ich unterrichtet hatte und auf diese Weise auch noch nie vorher. Daran arbeite ich noch, was aber auch ganz gut ist, denn dann kann ich meine Abläufe so ändern, dass das nicht wieder passiert.

Warum ist es für uns oft so schwer, Fehler zu machen?

Wenn wir einen Fehler machen, reagieren wir oft mit innerer Kritik, Scham oder Angst. Das ist äußerst unangenehm, geradezu bedrohlich. Uns wird heiß, der Bauch verkrampft sich, wir beißen die Zähne zusammen und das Schlucken wird schwer. Wie kommt es dazu?

Vielleicht sind wir durch Kindheit und Schule geprägt, als wir erlebten, dass schnell etwas zu können gefeiert wird, unserem Noch-nicht-Können mit Ungeduld oder Beschämung begegnet wurde oder es sogar einen Notensystem gab, in dem belohnt wurde, keine Fehler zu machen.

Als Erwachsene können uns Fehler vielleicht unseren Job kosten oder das Ansehen von Menschen, die uns wichtig sind. Nicht zuletzt greifen wir, wenn wir einen Fehler machen, möglicherweise unser Selbstbild an. Wir wollen ja jemand sein, der alles im Griff hat, kompetent und intelligent wirken und niemanden enttäuschen.

Warum Fehler großartig sind

Wir können unsere Perspektive auf Fehler aber auch ganz anders gestalten. Schritt für Schritt. Hier ein paar Ideen und Informationen dazu:

  • Lernen: Wie können wir lernen ohne "Fehler" zu machen? Nennen wir es lieber Schritte auf dem Weg, Annäherungen, Versuche, Experimente. Wenn ich noch Klavier gespielt habe, werden die wenigsten sich hinsetzen und darauf losspielen. So ist es mit allem. Zu erwarten, dass man etwas nach einem (!) oder zwei oder drei Mal ausprobieren kann, ist unlogisch. Wir haben Jahre gebraucht, Stehen, Sprechen und Schreiben zu lernen - warum erwarten wir jetzt als Erwachsene etwas sofort beherrschen zu müssen?
  • Bewertung: Hast Du Dir schon mal Gedanken gemacht, wie Kinder in der Schule bewertet werden? Was uns natürlich fürs ganze Leben prägt. Die klassische Aufgabenstellung ist für alle gleich und bei ihr zählt nur, ob ich das Richtige ankreuze oder hinschreibe und ich werde danach bewertet, wie viele Fehler ich gemacht habe. Ich lerne also, dass Fehler schlecht sind und ich sie um jeden Preis vermeiden muss.
    Wie wäre es, wenn wir stattdessen lernen würden, dass es Spaß macht, mehr über ein Thema herauszufinden, eine Aufgabe wie ein Rätsel zu lösen, die Welt zu entdecken und eine "Bewertung" mir aufzeigt, was ich alles entdeckt habe, welche Fortschritte ich gemacht habe und was noch möglich ist? Wie wäre es, ein Portfolio zu haben, in dem wir laufend eintragen, was wir gemacht haben, was uns gelungen ist, was wir ausprobiert haben, welche Anregungen wir bekommen haben und was uns durch den Kopf geht. 
    Stell Dir vor, wie großartig es ist, nach einem Jahr in diesem Portfolio zu blättern und Deine Wirksamkeit und Selbstwirksamkeit nachzuvollziehen.
  • Evolution: Wenn wir die Entstehung der Welt, der Menschheit und große Erfindungen betrachten, sind es "Fehler" in Genen oder Zufälle, die oft herausragende Ergebnisse gebracht haben. Das bekannteste Beispiel ist die Entdeckung von Penicillin, das unzähligen Menschen das Leben rettet. Alexander Fleming hatte verunreinigte Petrischalen, ihm fiel auf, dass ein Schimmelpilz dort Bakterien abtötete - und er sagte nicht: Wer hat denn da schon wieder die Petrischalen nicht richtig sauber gemacht?
    Er erkannte das Potenzial dessen, was er dort sah, bestimmt auch, weil er mit offenem Geist beobachtete und seine Beobachtung nicht abtat.

Kleine und große Fehler - das ist doch nicht das Gleiche

Was hat die Entdeckung von Penicillin damit zu tun, dass ich schon wieder meinen Schlüssel verlegt habe (oder worüber Du Dich gerade ärgerst)?

Ganz einfach: es geht um eine Geisteshaltung. Wir können nicht sagen: ich will keine Fehler machen, aber wenn ich einen mache und es kommt ausnahmsweise etwas Nützliches dabei heraus, dann kann ich mich ja mal nicht darüber ärgern. Unser Bewertungen sind so fest, dass wir sie Schritt für Schritt loslassen müssen, um sie zu verändern. Abgesehen davon, dass sich ärgern immer Zeit- und Energieverschwendung ist.

Wir können üben, liebevoller und nachsichtiger mit uns umzugehen, um das Potenzial, das in unseren Fehlern liegen könnte, zu entfalten. Dass ich den Schlüssel verlegt habe und ihn 10 Minuten suche, ist vielleicht nicht nützlich - aber weiß ich das wirklich? Es könnte sein, dass mir etwas Wichtiges auffällt, weil ich die Wohnung oder die Jackentaschen nach dem Schlüssel absuche. Es könnte sein, dass ich vor dem Haus jemandem begegne, den ich 10 Minuten vorher verpasst hätte. Es könnte sein, dass ich einen Unfall auf meinem Weg nicht habe, weil ich später losgefahren bin. Vielleicht sehe ich auf der Fahrt etwas, das vorher nicht da war, das mich auf eine Idee für meine Arbeit bringt - und schon sind wir in der Nähe der Petrischale.

Ich möchte Dich heute ermutigen, offen und freundlich mit Dir umzugehen, egal, ob alles klappt, egal, ob Du Dich geschickt oder ungeschickt anstellst, langsam oder schnell bist oder zu viele Weihnachtsleckereien ißt 😉
Kannst Du heute ein wenig nachsichtiger mit Dir selbst sein, so, wie Du es mit einer lieben Freundin sein würdest?

Sehr freundliche Grüße und einen entspannten Tag für Dich, Evelyn

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