Tag 14 - Wie wir wurden, wer wir sind Teil 2

Wir sind verschieden

Heute kannst Du im Stehen mehr in Deine Mitte kommen:

Stell Dir zwei Frauen hintereinander an der Supermarktkasse vor. Beide im besten Alter. Beide mit vollem Korb. Beide offensichtlich „viel auf dem Zettel“. Die eine steht ruhig da, sortiert nebenbei ihre Gedanken (so sieht es zumindest aus), lächelt kurz, bezahlt und geht. Die andere ist angespannt, die Schultern oben, der Blick unruhig, sie sieht nach „ich muss gleich noch tausend Dinge erledigen“ aus, und als die Karte kurz nicht funktioniert, ist das Nervensystem schon im roten Bereich.

Ich kenne mich in beiden Versionen. Und das ist in Ordnung. Das ist nicht „die eine hat es im Griff und die andere nicht“. Das ist oft schlicht Verschiedenheit – plus Tagesform – plus Lebensgeschichte.

Wir starten nicht alle mit der gleichen Biologie

Wir tun manchmal so, als wäre der Körper eine neutrale Hülle, die bitte einfach funktionieren soll. In Wahrheit sind wir aber ziemlich individuell gebaut. Als Beispiel:

  • Darmflora: In unserem Bauch wohnt eine ganze Kommune. Wie vielfältig die ist, was sie „mag“, wie sie reagiert – das unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Die Darmflora eines jeden Menschen ist einzigartig und sie wird beeinflusst unter anderem von der Darmflora unserer Eltern, dem, was wir essen, Medikamente, die wir nehmen, Bewegung.
    Und ja: Bauch und Kopf sind ziemlich gesprächig miteinander. Nicht im Sinne von „iss X und du bist für immer glücklich“, sondern eher: Es gibt Rückkopplungen, die Stimmung, Energie und Stress-Reaktivität mit beeinflussen können. Bestimmte Darmbakterien können Depressionen fördern, andere geben Dir ein starkes Immunsysten.*

  • Gehirn: Genauso wie unser Darm ist auch unser Gehirn sehr beeinflussbar von dem, was wir zu uns nehmen, von Bewegung und unserem Alltag. Haben wir viele Reize oder wenige? Genetisch können Gehirne sogar recht unterschiedlich "verdrahtet" sein und wir reagieren ganz unterschiedlich auf Reize. Das beginnt damit, ob Du Rechts- oder Linkshänder bist, welche Sinneskanäle dominieren (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen) bis hin zu unterschiedlich ausgeformten Gehirnen durch Genetik (z.B. ADHS) oder Prägung (z.B. Traumata).
    Manche Gehirnstrukturen können besser mit den vielen Reizen, die wir heute täglich erleben, umgehen, andere können dafür leichter mit der Schnelllebigkeit umgehen und sich anpassen, andere wiederum können gut Muster erkennen. Und so weiter und so fort.
    Vieles hat seine Vorteile. Der Haken: Wir bewerten es oft als Charakterfrage. Persönlich merke ich immer mehr, wie wichtig es ist, sich selbst zu kennen und zu verstehen, wie ich funktioniere, damit ich meine Stärken nutzen kann statt gegen Windmühlen zu kämpfen, weil ich denke: "So macht man das."

  • Biorhythmus: Einige sind morgens schnell da, andere werden abends erst wirklich klar. Manche sind empfindlich bei Schlafmangel, andere funktionieren erstaunlich lange – und zahlen später. Wenn du dir schon mal gedacht hast „Wieso kann die das und ich nicht?“, ist die Antwort manchmal: anderes Tempo, andere Taktung, andere Belastungsgrenze.
    Auch im Biorhythmus sind wir individuell. Wann wir gut schlafen, wann wir aufwachen, wann wir leistungsstark sind und wann wir eine Pause brauchen, ist ganz unterschiedlich. Weißt Du, wie das bei Dir ist? Auch in diesem Bereich lerne ich mich immer noch besser kennen. Ich versuche, Bewegung mehr in meinem Alltag einzubauen, weil ich gemerkt habe, wenn mein Gehirn müde wird, ist Bewegung das, was mich am Schnellsten wieder fit werden lässt. In letzter Zeit fällt mir auf, dass ich gut morgens (6-9 Uhr) und gegen Abend (17-19 Uhr) konzentriert arbeiten kann. Das ist ganz sicher für viele ganz anders.

Wenn wir unser Verschiedensein anerkennen, wird es einfacher. Wir starten nicht alle vom gleichen Punkt. Zu den biologischen Unterschieden kommen aber auch noch andere, die eher emotionaler Natur sind.

Wir handeln unterschiedlich, wir entscheiden unterschiedlich, wir fühlen unterschiedlich

Wie gehen wir mit Herausforderungen um? Begegnen wir ihnen frontal oder vermeiden wir sie lieber? Wie motivieren wir uns? Aus uns heraus, durch äußere Anforderungen oder auf andere Weise?**
Wie treffen wir Entscheidungen? Überlegt oder spontan, mehr mit dem Kopf oder aus dem Bauch heraus? 

Resilienzfaktoren nennt man die Ressourcen, die wir haben, um Herausforderungen oder Krisen gut bewältigen zu können. Sie sind nicht bei allen gleich stark ausgeprägt. Manche haben früh gelernt: „Ich kann mich anlehnen, Hilfe ist da.“ Andere haben gelernt: „Ich muss alleine klarkommen.“ Manche haben einen inneren Sinn-Kompass, der sie auch durch schwierige Phasen trägt; andere brauchen mehr äußere Struktur, um sich stabil zu fühlen. Manche haben einen Körper, der stark ist, andere einen, der Aufgaben mit sich bringt.

Eine grundlegende Ambivalenz, die wir in uns tragen, ist die zwischen Sicherheit und Autonomie.
Unser Sicherheitsbedürfnis plant und hat gerne den Überblick und es mag, wenn Dinge verlässlich sind. Unser Autonomiebestreben will selbst entscheiden, es auf seine Art machen und braucht Raum für sich.

Wie stark das eine oder das andere Bedürfnis ausgeprägt ist, ist nicht nur von Mensch zu Mensch unterschiedlich, sondern kann auch von Zeit, Stimmung und konkreter Situation abhängen. Je nachdem, welches Bedürfnis lauter ist, reagieren wir unterschiedlich.
Dazu kommt, dass wir manchmal auch zu einer Person oder Sache, in einer Situation widersprüchliche Bedürfnisse haben können. Wir wollen Sicherheit und Freiheit.

Wie Körperarbeit hier hereinpasst

Ich mag an Feldenkrais (und ähnlichen Ansätzen), dass es nicht mit „sich zusammenreißen“ beginnt, sondern mit Wahrnehmung: Was passiert gerade wirklich?
Wenn Du spürst, wie Du sitzt, atmest, schaust, wie viel Spannung Du irgendwo hältst, dann wird aus „ich bin halt so“ eher „ah, so organisiere ich mich gerade“. Das ist ein Unterschied, der Handlungsspielraum schafft.

Wenn Du willst, spüre heute doch ab und zu mal in Dich hinein, z.B. jetzt gleich in diesem Augenblick, und nimm wahr, was Deine Bedürfnisse gerade sind. Fühlst Du Dich sicher? Oder unsicher? Was kannst Du ganz klein tun, um Dich sicherer zu fühlen? Manchmal hilft Atmen oder sich selbst umarmen.
Und was Deine Autonomie angeht: Fühlst Du Dich gerade unter Druck oder eingesperrt? Stell Dir vor, Du machst nicht das, was von Dir erwartet wird. Was ist die Konsequenz? Was ist Dein Warum, das zu tun, was Du tust?

Ich wünsche Dir eine gute Zeit, viel Freiheit und Entspannung, sehr herzliche Grüße, Evelyn

*Ein tolles, gut verständliches Buch darüber, was unser Darm alles beeinflusst, ist: Giulia Enders, Darm mit Charme.

**Willst Du wissen, wie Du funktionierst? Einfach und hilfreich ist das Modell von Gretchen Rubin zu den 4 Tendenzen (auf Englisch, Du kannst aber auch einiges auf Deutsch dazu finden). Danke an Lisa Kosmalla, die mich damit bekannt gemacht hat! (siehe auch Lisas Blogartikel Motivationstypen als Coachingtool & Businessbooster)

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