Tag 16 - Was wäre, wenn Du ein Glückspilz wärest?
Erlaube Dir, Dich einfach zu spüren - ohne zu bewerten oder etwas tun zu müssen. Die Anleitung ist im Sitzen, Du kannst sie aber auch im Liegen oder Stehen machen.
Es gibt Tage, da fängt es harmlos an. Ein doofer Gedanke, schlecht geschlafen, das Knie, das wieder meint, es müsse mitreden. Und zack: Der Kopf liefert die passende Geschichte dazu. „Das wird heute nichts.“ „Immer ich.“ „Typisch.“
Wenn Du Pech hast, greift das alles ineinander wie Zahnräder: schlechte Stimmung – enges Denken – mehr Anspannung – noch schlechtere Stimmung. Eine Abwärtsspirale, die sich erstaunlich schnell dreht, obwohl wir morgens nur kurz die Augen aufgemacht haben.
Und dann gibt es die andere Richtung: Ein wenig Entspannung – ein klarerer Blick – ein machbarer nächster Schritt – etwas mehr Selbstvertrauen. Es geht aufwärts. Die Spirale kann auch nach oben laufen.
Warum Optimismus manchmal nicht im Kopf beginnt
Wenn unser Nervensystem angespannt ist, werden die Möglichkeiten nicht weniger – wir sehen sie nur nicht mehr. Tunnelblick, flacher Atem, die Schultern näher an den Ohren als am Hals. Leider führt unser Stressprogramm nicht unbedingt zur Lösung, denn im Schutzprogramm denkt man selten kreativ.
Genau hier mag ich die Feldenkrais-Erfahrung: Erst wahrnehmen, was gerade ist. Dann verschiedene Möglichkeiten antesten, bevor Du eine große Entscheidung triffst. Nicht sofort bewerten und alles auf einmal lösen wollen. Erst einmal Kontakt mit mir selbst aufnehmen: Wo bin ich angespannt? Wie trägt mich der Boden? Wie atme ich gerade? Wo kann ich meinen Atem spüren?
Vielleicht ist das, im wahrsten Sinne des Wortes, Optimismus mit Bodenhaftung. Es geht nicht darum, dass wir alles schön reden, dass alles "gut" ist, sondern wir nehmen unsere Möglichkeiten wahr, wie klein auch immer sie sein mögen.
Kennst Du das sehr klare Zitat von Winston Churchill? "Ein Pessimist sieht eine Schwierigkeit in jeder Gelegenheit; ein Optimist sieht eine Gelegenheit in jeder Schwierigkeit." Was darf es für Dich sein?
Drei Möglichkeiten, die Du immer hast
Selbst wenn du gerade das Gefühl hast, du hättest gar keine Wahl: Drei Dinge gehen fast immer. (Ausnahme: Du bist Notärztin im Einsatz. Dann lies später weiter.)
1. Atmen
Nicht als Zaubertrick, eher als Signal: Ich bin da. Ich bin hier. Ich lebe.
Du musst den Atem nicht “richtig” machen und nicht auf eine bestimmte Weise atmen. Nimm zwei, drei Atemzüge wahr. Mehr nicht. Biologisch gesehen beruhigt es uns, wenn wir durch die Nase atmen oder auch langsam durch den Mund ausatmen. Es bringt aber gar nichts, wenn Du Dich von dem, wie Du angeblich atmen sollst, unter Druck setzen lässt und alles dadurch noch angespannter wird.
2. Dich rausnehmen
Ganz einfach: Wenn Du in einer emotionalen Situation bist, dann verlasse sie. Geht nicht? Aufs Klo kannst Du immer gehen (ich weiß, mit sehr kleinen Kindern geht das nicht, aber die allermeisten hier dürften diese Zeit hinter sich gelassen haben). Hab ich auch schon gemacht. Auf den Klodeckel setzen und erstmal wieder Atmen. Dich auf das, was Du willst, besinnen. Dir überlegen, wie Du Dich verhalten und wie Du behandelt werden willst. Und dann wieder rausgehen.
Eine andere Möglichkeit, sich rauszuziehen ist, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Als Feldenkraisler bietet sich das eine körperliche Wahrnehmung an: der Kontakt zu Boden, zum Stuhl, das, was Du unter den Fingern spürst, eine winzige Gewichtsverlagerung nach rechts und links.
Dieses kurze Orientieren holt Dich aus dem inneren Film zurück ins Jetzt.
3. Erlaube Dir einen Augenblick zu sein, ohne entscheiden zu müssen
Das ist für viele von uns ungewohnt, weil wir ständig im Problemlösungsmodus sind.
Sag Dir (leise oder innerlich): „Für die nächsten 30 Sekunden muss ich nichts entscheiden.“
Nur 30 Sekunden. Das ist kurz genug, dass Dein System damit klar kommt. Und oft öffnet genau diese Mini-Pause eine Tür: Danach ist der nächste Schritt möglich.
Frag Dich mal: Was wäre der bestmögliche Ausgang in dieser Situation?
Ich habe mal gehört, dass man, wenn das Auto von der Straße abkommt und auf die Bäume zurast, man sich auf den Zwischenraum zwischen den Bäumen konzentrieren soll. Denn, wenn man vor Schreck die Bäume anstarrt, zielen wir natürlich unbewusst darauf.
Das erscheint mir logisch, denn es ist doch immer so, dass wir das bekommen, worauf wir unsere Energie richten. (Denke nicht an einen rosa Elefanten ;-)).
Allerdings meine ich nicht, dass wir uns nun alles verzweifelt schön reden sollen - das ist bestimmt nicht gesund. Wir können es ja mal mit vorsichtigem, realistischem Optimismus versuchen nach dem Motto: In meinem Kopf sagt die Stimme, das kann doch nur schief gehen - aber vielleicht ist das nicht so? Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit? Was wäre der bestmögliche Ausgang für diese Situation?
Wenn meine Klientinnen zum ersten Mal zu mir in die Praxis kommen, erzählen sie mir oft, wo sie Schmerzen haben. Ich frage dann: wann schmerzt es denn? Tut es jetzt im Augenblick weh? Und in mehr als 50% (eher 80%) der Fälle tut es gerade nicht weh. Ist das nicht interessant? Glaub nicht alles, was Du denkst 😉
Viel Freude beim Möglichkeiten finden, sehr herzliche Grüße,
Evelyn