Tag 18 - Wenn man älter wird, dann...

Heute kannst Du im Sitzen mit den Füßen wippen, so dass Du danach stabiler und entspannter stehst. Eine Variante kann sein, dass Du das ganze im Stehen machst.

Hast Du schon mal von der Idee gehört, dass es ein Growth (Wachstum) Mindset gibt und als Gegenstück dazu ein Fixed (festes) Mindset? Die Haltung, die zu Wachstum führt, hat viel mit der Haltung, die wir von Feldenkrais lernen, gemeinsam. Ich finde es besonders interessant, diese beiden Sichtweisen in Bezug auf unseren Körper und Bewegung anzuschauen, da es dazu auch augenöffnende Studien gibt.

Wachstum vs. Stehenbleiben

Wir alle kennen es wahrscheinlich aus unserer Kindheit. Wenn wir eine Idee hatten oder etwas gemacht haben und dann geschimpft wurden mit Worten wie: Das macht man nicht. Das gehört sich nicht. Oder: Das war schon immer so, das ändern wir nicht.

Diese Sätze sind Paradebeispiele für ein Fixed Mindset. Folgende Elemente sind Kennzeichen eines Fixed Mindsets (das wir vielleicht auch nur in einem Bereich haben):

  • wir vermeiden Herausforderungen und scheuen vor Unbekanntem zurück
  • wir lehnen es ab, Feedback zu bekommen und können nicht mit Kritik umgehen
  • Fehler oder Versagen können wir nicht akzeptieren
  • Unser Fokus ist darauf ausgerichtet, Erfolg zu haben und uns zu beweisen
  • Wir glauben, dass Fähigkeiten statisch sind - man hat sie oder man hat sie nicht
  • wir fühlen uns vom Erfolg anderer bedroht

Ganz schön heftig, oder? Zum Glück gibt es auch das Gegenstück dazu. Allerdings stelle ich fest, wenn ich das lese, dass ich z.B. in meiner Herkunftsfamilie teilweise in diesen Verhaltensweisen im wahrsten Sinne des Wortes "feststecke", auch, wenn ich das sonst im Alltag wenig erlebe.

Grundsätzlich: die beiden Mindsets sind zwei Pole, die angeschaut werden können. Meistens bewegen wir uns irgendwo zwischen solchen Polen und sind auch in verschiedenen Lebensbereichen in unterschiedlichen Haltungen oder Positionen. 

Wie können wir Wachstum begrüßen und umsetzen?

Wenn wir uns das Growth Mindset anschauen, dann sind für mich diese Punkte wesentlich:

  • wir sind davon überzeugt, dass Fähigkeiten verbessert werden können
  • wir fokussieren uns auf den Prozess statt auf das Ergebnis
  • wir sind grundsätzlich neugierig und offen und nehmen Herausforderungen als Aufgaben an
  • wir betrachten Fehler als Gelegenheit zum Lernen und nehmen konstruktives Feedback als Unterstützung dafür an
  • wir fühlen uns von den Erfolgen anderer inspiriert

Das klingt toll. Doch wie können wir das nun für uns wirklich anwenden und umsetzen?

Erst einmal können wir uns diese Unterschiede klar machen und uns entscheiden, dass wir ein Growth Mindset haben wollen. Dann können wir uns selbst beobachten, wie wir uns verhalten (wie immer ohne uns zu verurteilen - wie oben steht kommt es auf den Prozess an).

Dann suchen wir uns eine Situation aus, in der wir das Gefühl haben, wir könnten offener oder konstruktiver sein. Ich persönlich würde mir dann einfach vorstellen, was ein anderes geeigneteres Verhalten sein könnte. Das würde ich dann ausprobieren. Du kannst aber auch gleich zum Ausprobieren gehen.

Wichtig: schon allein dadurch, dass Du etwas anderes ausprobierst, gehst Du ins Growth Mindset. Es spielt keine Rolle, ob Dein Versuch erfolgreich ist oder nicht.

Und was hat das jetzt mit Bewegung zu tun?

Ein empirisch von mir erhobener Fakt: wir tendieren dazu, alles, was mit unserem Körper und Bewegung zu tun hat, mit einem Fixed Mindset zu betrachten. Sorry.

Das fängt an mit: "Ab 30 geht es nur noch bergab." oder "Ab einem bestimmten Alter gehören Rückenschmerzen halt dazu."

Geht weiter mit: "Das ist meine schlechte Schulter (Hüfte, Bein, Knie,...), die schmerzt IMMER."

Und endet noch nicht bei: "Wenn man alt wird, dann... (wird man lahm, blind, taub, steif, ...).

Ja, auch meine Gelenke sind öfter steif als früher (dank fehlendem Östrogen), auch ich mache freiwillig keine Nächte mehr durch. Allerdings empfinde ich es auch immer noch so, dass ich mich viel leichter, viel besser und viel eleganter bewege als vor Feldenkrais. Und ich weiß, wenn ich eine neue Bewegung lernen möchte, dann kann ich das tun. Ich freue mich darauf, meine Bewegungen weiter zu erforschen und zu verfeinern - auch um dem biologischen Verfall etwas entgegen zu setzen.

Was das, was wir glauben und denken, mit unseren Bewegungen macht

Es spielt eine große Rolle für unser Befinden und unsere Bewegungen, welchen Stereotypen wir ausgesetzt sind und ob wir sie bewusst oder unbewusst aufrecht erhalten oder verstärken.

Es gibt eine sehr spannende Studie*, in der untersucht wurde, welche Leistung gleich alte ältere und gleich fitte Menschen bringen. Ein Stereotyp für ältere Menschen ist, dass sie langsamer gehen.

Die eine Hälfte der Probanden wurde unbewusst negativen Worten über das Alter (senil, abhängig, krank) ausgesetzt, die andere Hälfte positiven Worten über das Alter (weise, erfahren, fähig). Die Männer, die die positiven Wörter unbewusst gelesen hatten, liefen danach messbar schneller.

Und da sind wir wieder beim Beobachten und Spüren: Wie denkst Du in bestimmten Situationen?

Wenn Du Dich dabei erwischst, negativ über Dich, Deinen Körper, Dein Alter, Deine Bewegungen zu denken - erzähle Dir einfach danach etwas Positives. "Früher war ich schneller.  - Das mag so sein. Das heißt aber nicht, dass ich nicht durch Geschick und bessere Bewegungen sogar noch leichter und besserer laufen kann als damals."

Liegst Du in den Feldenkrais-Stunden auf dem Boden und bemerkst, wie Du Dich innerlich schimpfst, dass Du das doch sowieso nicht kannst? Sei einfach danach nett zu Dir und erlaube Dir das zu spüren, was Du machst, auch, wenn es etwas anderes ist als gerade vorgeschlagen.

Es geht um den Prozess, nicht ums Ergebnis. Zumindest mal in diesem Rahmen des Ausprobieren und Lernens.

"Bewegung ist Leben. Leben ist ein Prozess. Verbessere die Qualität des Prozesses und du verbesserst das Leben selbst." (Moshe Feldenkrais)

Viel Freude beim Spüren, Forschen und Experimentieren, sehr herzliche Grüße, Evelyn

*Ein spannendes Buch, in dem noch mehr Studien sehr gut lesbar vorgestellt werden ist: Jennifer Heisz, Move the Body, heal the Mind. Leider immer noch nur auf Englisch.

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