Tag 19 - Autonomie: Ich und mein Körper als oberste Instanz
Heute geht es um weitere Bewegungen, die Du mit den Füßen machen kannst - im Sitzen oder im Stehen. Für entspanntes und stabiles Stehen und Gehen.
Autonomie bedeutet nicht, alles allein zu tun – sie hat mehr mit innerer Stimmigkeit zu tun als mit Härte. Wenn Du Deinen Körper wieder als Verbündeten wahrnimmst, wird es leichter, Deine eigenen Grenzen zu spüren und Entscheidungen zu treffen, die wirklich zu Dir passen.
Autonomie oder Automatismus?
Neulich stand ich in der Küche und war in dem typischen „Ich mach schnell noch“-Zustand. Noch ein Tee, noch eine Mail, noch kurz die Wäsche. Mein Kopf war schon beim übernächsten Schritt, mein Körper kam hinterhergeschlurft. Ich merkte das erst, als mir mein angespannter Nacken auffiel. Ich war überall, nur nicht bei mir selbst.
In solchen Situationen zeigt sich für mich Autonomie sehr praktisch: Bin ich bei mir, bevor ich handle? Oder handle ich und hoffe, dass ich mich später wieder einsortiert bekomme?
Wie wir Autonomie lernen
Autonomie lernen wir früh, und wir lernen sie in Beziehung. Als Kind brauchst Du Raum zum Ausprobieren. Du brauchst Erwachsene, die Dich begleiten, ohne Dir alles abzunehmen. Du brauchst Grenzen, die verständlich sind. Und Du brauchst das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden.
Wenn das gut gelingt, entsteht die innere Gewissheit: Ich kann das erkunden. Ich darf mich entwickeln. Ich werde unterstützt.
Wenn es schwierig war, klingt die innere Stimme eher nach: Ich muss funktionieren. Ich darf keine Umstände machen. Ich muss laut werden, sonst hört mich niemand. Oder: Ich halte lieber still, dann passiert weniger.
Das sind Schutz- und Überlebensstrategien. Sie waren damals sinnvoll. Heute? Heute ist es vielleicht nicht mehr nötig, dass wir unsere Bedürfnisse auf diese Weise regulieren. Jetzt können wir neu und erwachsen entscheiden, was gut für uns ist.
Was Autonomie heute für uns bedeuten kann
Autonomie heißt für mich, dass ich mich selbst wahrnehmen kann. Ich kann mich orientieren und ich kann wählen. Oft denken wir in den zwei Extremen, entweder völlige Anpassung oder völliger Rückzug. Beides ist allein nicht genug.
Autonomie bedeutet nicht, unabhängig von allen zu sein. Ich kann mich selbst spüren, mich selbst ernst nehmen und mit anderen in Kontakt bleiben. Und ich kann Entscheidungen treffen, die mit mir übereinstimmen – nicht nur mit Erwartungen.
Die eigene Autorität wächst aus Stimmigkeit. Wenn wir mit uns selbst eins sind, dann sind wir für andere Meinungen offen, lassen uns aber nicht von ihnen überzeugen oder bedrängen. Du triffst Entscheidungen, weil Du Dich als Maßstab spürst. Du brauchst weniger Beweise im Außen. Du brauchst weniger Erklärungen. Du kannst sagen: "Das ist heute zu viel." Oder: "Das passt für mich." Punkt.
Wie unser Körper zur inneren Autorität wird
Wir sind sehr trainiert im Denken. Unser Körper kommuniziert anders, über Spannung, Atem, Temperatur, Unruhe, Müdigkeit, Druck. Das kann unbequem sein. Auch unvertraut, wenn wir den Körper lange ignoriert haben.
Wenn du Autonomie stärken willst, lohnt es sich, den Körper wieder als Rückmelde-System zu nutzen. Beginn einfach damit, wieder etwas genauer hinzuhören und hinzuspüren.
Feldenkrais arbeitet genau mit dieser Idee. Über feine Wahrnehmung entstehen mehr Möglichkeiten. Mehr Möglichkeiten bedeuten weniger Automatismus. Und weniger Automatismus heißt mehr Selbstbestimmung.
Wenn Du Dich spürst und Dir selbst vertraust, ist es einfacher, bei dem zu bleiben, was gerade dran ist, was ansteht, was Deinem Gefühl nach das Richtige ist. Dann ist es viel schwieriger, Dir etwas zu "verkaufen", was Du gar nicht brauchst.
Ich wünsche Dir viele Entdeckungen und Freiheit, sehr herzliche Grüße, Evelyn