Tag 7 - Wir sind immer die bestmögliche Version unserer Selbst

Heute im Audio kannst Du den Stellen Deines Körpers Aufmerksamkeit schenken, die Du nicht spürst oder die schmerzen, auch sie gehören zu Dir:

Wir sind immer die bestmögliche Version unserer Selbst - findest Du das eine provokante Aussage?

Bedeutet das, dass wir einfach so bleiben können wie wir sind? Vielleicht müde, erschöpft, nicht funktionierend, chaotisch oder auch unzuverlässig? Noch eine provokante Antwort: Wenn wir das wollen. 😉

Vermutlich willst Du das nicht. Ich jedenfalls möchte gerne zuverlässig sein, nicht im Chaos versinken, genug Energie haben, um ein gutes Leben zu führen und nicht so erschöpft sein, dass ich immer nur allem hinterher hinken und reagieren kann. Was mir besser gelingt als früher, manchmal aber auch nicht.

Was meine ich damit: die bestmögliche Version unserer Selbst?

Ich gehe davon aus, dass alle Menschen gerne glücklich wären und ein aktives Leben in einer sich unterstützenden Gemeinschaft führen möchten. Ich denke nicht, dass Menschen von Natur aus faul, undiszipliniert, unzuverlässig, aggressiv, rücksichtslos sein wollen. Wenn sie negative Tendenzen haben, bin ich fest davon überzeugt, dass sie zumindest nicht glücklich sind.*

Machen wir uns bewusst, dass wir viele Reaktionen durch bestimmte Erfahrungen erlernt haben - gerade z.B. wie wir auf andere Menschen reagieren und mit ihnen umgehen und wie unser Selbstbild ist, lernen wir auf biologischer Ebene schon in den ersten Lebensjahren.**

Genauso ist es mit unserem Körper und den Bewegungen. Auch da sind wir geprägt von unseren Erfahrungen in den frühen Jahren. Nach dem, was wir genetisch, in der Schwangerschaft und während der Geburt mitbekommen haben, geht es los: Wie viel durften wir auf dem Boden selbst erkunden? Wurden wir auf die Füße gestellt, bevor unser Skelett bereit dazu war? Sind wir viel gekrabbelt? Waren wir aktiv oder ruhig in unserer Kindheit?

Dazu kommen die Einflüsse von "außen". Welche Dinge haben wir gelernt durch Hobbies, Haushalt, durch Nachahmung der Erwachsenen um uns herum. Welche Verletzungen oder Krankheiten hatten wir bisher in unserem Leben? Auch sie haben uns geprägt und zu Schonhaltungen gebracht, die wir teilweise nie wieder losgeworden sind, oder die Folgen erfordern heute noch, dass wir uns auf eine bestimmte Weise bewegen.

Als ich 16 war, bin ich zweimal im Winter auf Eis böse auf mein Knie gestürzt. Eine OP eines übermütigen Arztes Jahre später hinterließ ihre eigenen Spuren, so dass bis heute mein rechtes Bein instabiler ist und ich ab und zu bestimmte Bewegungen machen muss, damit es nicht schmerzt.

Mein Körper hat (durch viele Feldenkrais-Stunden ;-)) gelernt, das so gut zu kompensieren, dass ich 98% der Zeit kein Problem damit habe. Aber dieses Bein ist eine meiner "Soll-Bruch-Stellen", wie ich das nenne. Wenn ich anfange, sie unangenehm zu spüren, weiß ich, dass ich etwas für mich tun sollte. Dieses Bein und dieses Knie gehören zu mir und prägen mich in meiner ganzen Organisation.

Unser Körper ist ein Abbild unserer Lebenserfahrungen. Biologisch ist unser Gehirn an Überleben interessiert und reagiert immer auf bestmögliche Weise, um uns zu schützen. Das können wir dankbar anerkennen.
Genauso wahr ist es, dass diese Reaktionen problematisch werden können, wenn sie nicht mehr passen.

Die Schonhaltung, die bleibt, ist so etwas oder der eigene Schwerpunkt, der sich z.B. während einer Schwangerschaft oder wenn wir vorübergehend auf Krücken laufen verschiebt, und manchmal nicht mehr zurückfindet. Besonders schwierig ist es, wenn unser Gehirn durch potenziell lebensbedrohliche Situationen (Unfälle, Gewalt, Katastrophen, chronischer Stress) in Alarmbereitschaft versetzt wurde und da nicht wieder herausfindet. Dann sprechen wir von Trauma und brauchen dringend Unterstützung von anderen.

Wir sind die bestmögliche Version unserer Selbst bedeutet für mich, dass wir anerkennen, was wir alles erlebt und erfahren haben und dass wir durch diese Erfahrungen bestimmte Gewohnheiten haben. Auch und vor allem auf körperlicher Ebene. Gleichzeitig heißt es, zu verstehen, dass unser Körper, unser Gehirn und unser Nervensystem immer das Bestmögliche tun und geben, um uns zu schützen und überleben zu lassen.

(Zu letzterem mehr in einem der Türchen nächste Woche.)

Nimm Dir heute einen Augenblick Zeit, um anzuerkennen, was Dein Körper, was Du täglich leistest, durch was Ihr alles schon durchgegangen seid und dass Ihr heute hier da seid - offen und neugierig genug, um Dich mit dem Adventskalender und anderem zu beschäftigen. Sowohl Du als auch Dein Körper - Ihr könnt Neues lernen, Reaktionen verändern und stärker und entspannter den Anforderungen des Lebens begegnen.

Es ist möglich Schritt für Schritt.

Ich wünsche Dir einen entspannten und freudvollen Sonntag, sehr herzliche Grüße, Evelyn

*Mit dieser Aussage möchte ich auf keinen Fall Täter oder Täterinnen entschuldigen. Es erklärt bis zu einem gewissen Punkt für mich, warum sich Menschen auf eine bestimmte Weise verhalten und es ist für mich gut, sie nicht als "böse" wahrzunehmen. Gleichzeitig macht das Wissen über diese frühkindlichen Verknüpfungen im Gehirn auch deutlich, dass Rehabilitation für manche in diesem Leben nicht möglich ist und auf jeden Fall einen eigenen starken Wunsch nach Veränderung voraussetzt. Es gibt sicherlich Fälle, in denen die Sicherheitsverwahrung ein sehr humaner Weg ist, die Gesellschaft und auch den Täter vor seinen eigenen Taten zu schützen.

**Die emotionalen Prägungen unserer Kindheit haben natürlich Auswirkungen auf unseren Umgang mit uns selbst, unserem Körper und wie wir uns bewegen. Wenn Du mehr dazu wissen willst, ist Bindungstheorie hier das Stichwort. Praktische Anleitungen, wie man einen guten Umgang mit bestimmten Prägungen finden kann, bieten z.B. die Fallbeispiele in den Podcasts von Psychotherapeutin Stefanie Stahl (Podcast-Webseite) Das war teilweise sehr augenöffnend für mich.

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