Fehler sind (über)lebenswichtig! – Teil 1: Manchmal ist falsch richtig

Die meisten von uns haben einen Hang zum Perfektionismus. Wir wollen Aufgaben gerne fehlerfrei erledigen, ärgern uns, wenn uns jemand auf unsere Fehler und Versäumnisse hinweist und halten Ordnung und Regeln grundlegend für eine gute Sache. Zumindest ein bisschen.

Der Neurowissenschaftler Norman Doidge hat in seine Liste der FELDENKRAIS® -Grundregeln allerdings den Satz „Errors are essential“ aufgenommen. Kurz und prägnant. Das könnte man nun mit „Fehler sind wesentlich“ übersetzen. Ich habe mich jedoch für die dramatischere Version „Fehler sind lebenswichtig“ entschieden (essentiell lässt sich auf lat. esse – sein, existieren zurückführen).

Wie komme ich dazu?

Keine Entwicklung ohne Fehler

Stellen wir uns einen einfachen Roboter vor. Er fährt auf Gleisen vor und zurück und eine Last von A nach B transportiert. Ein System – einmal kreiert und aufgebaut, erfüllt seine Funktion, entwickelt sich aber nicht weiter. Erst, wenn eine Störung auftaucht – kaputte Gleise, ermüdete Gelenke, eine veränderte Last – muss der Erfinder sein System ändern, damit es wieder funktioniert.

Wir als lebendige Wesen sind Erfinder und Funktionsträger gleichzeitig. Und wir sind permanent „Störungen“ ausgesetzt: unsere Umwelt verändert sich in jedem Augenblick, wir handeln im Austausch mit anderen lebendigen Systemen, die nicht vorhersehbar sind, wir passen uns in jedem Moment den Herausforderungen unseres Lebens an und entwickeln uns weiter.
Tun wir das nicht oder in zu geringem Maße, ist es uns nicht möglich, in einer Situation adäquat zu reagieren, entwickeln wir physische und psychische Störungen, z.B. Verletzungen, Abnutzungserscheinungen, Schon- und Schutzhaltungen.

Das Unbekannte kennenlernen

In unbekannten oder sich verändernden Situationen können wir nicht geplant vorgehen. Meistens kennen wir keine Lösung, sondern reagieren spontan, merken, dass unsere „normalen“, vertrauten Reaktionen nicht wirksam werden und werden so „gezwungen“, etwas Neues auszuprobieren.

Wir probieren aus, wir experimentieren, wir suchen uns Vorbilder oder nach vergleichbaren Erfahrungen. Bei jedem Versuch lernen wir dazu, merken, was uns weiterbringt und was nicht den gewünschten Effekt hat. Manchmal stolpern wir auch über eine Lösung, die wir gerade gar nicht gesucht haben.

Ungeahnte Möglichkeiten

Ohne Fehler zu machen, geht es zum einen nicht – in unbekanntem Terrain müssen wir durch Ausprobieren Daten oder Informationen sammeln. Zum anderen werden aus Fehlern oft ungeahnte Möglichkeiten geboren. Das Penicillin wurde aufgrund einer verschmutzten Probe eines anderen Versuchs entdeckt. Die willkürlichen Bewegungen eines Säuglings liefern dem Gehirn die nötigen Informationen, um Verknüpfungen herzustellen. Genetische „Fehler“ können sich in der Evolution als Vorteil erweisen und haben neue Spezies entstehen lassen.

Einen Fehler als einen Schritt, einen Versuch auf dem Weg zu einer Lösung zu verstehen, kann das ganze Leben zu einem Labor, einem Spielplatz oder einer Werkstatt werden lassen. Ich habe einen Fehler gemacht? Na und, jetzt weiß ich, wie es nicht funktioniert. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es beim nächsten Mal klappt. Und vielleicht steckt in dem Fehler ja noch das Potential, etwas ganz Anderes, Neues zu entdecken.

Demnächst Teil 2: Einfache Muster sind störanfällig – Variationen vergrößern das Spektrum

Siehe auf Deutsch Norman Doidge: Wie das Gehirn heilt: Neueste Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, Frankfurt a.M. 2015, S. 219; englisch Norman Doidge: The brain’s way of healing: Stories of remarkable recoveries and discoveries, diverse Editionen 2015.

http://www.spiegel.de/karriere/diese-erfindungen-verdanken-wir-dem-zufall-a-929574.html

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