Das neuroplastische Gehirn – Von der Kostbarkeit des Augenblicks

Möchtest Du Körper und Gehirn leistungsfähig und jung halten? Dem Prinzip „Use it or lose it“, „Benutze es oder verliere es“, können wir im Sport, beim Musizieren oder beim Nutzen einer Fremdsprache begegnen. Dies mit „Übung macht den Meister“ gleichzusetzen, ist zu kurz gegriffen. Mit „Use it or lose it“ können wir lernen, wie kostbar das Leben in jedem Augenblick ist.

Neuroplastizität – unser Gehirn ändert sich jetzt und jetzt und …

Neuroplastizität, also der permanente Wandel des Gehirns, ist für mich ein echtes Wunder. Absichtlich schreibe ich nicht von der Wandelbarkeit des Gehirns, obwohl es natürlich – je nach Voraussetzung und Gebrauch – wandelbarer sein kann oder nicht. Unser Gehirn verändert sich jeden Tag, jeden Augenblick, ob wir wollen oder nicht.
Alles, was wir tun, verstärkt die Verbindungen für dieses Verhalten im Gehirn und alles, was wir nicht (mehr) tun, schwächt die dazugehörigen Verbindungen. Wenn ich gerne etwas lernen oder mir angewöhnen möchte, dann trägt jedes einzelne Mal, wenn ich es tue, dazu bei, dieses Verhalten zu stärken. Und umgekehrt genauso. Wenn ich es schaffe, etwas nicht zu tun, das ich mir abgewöhnen will, dann ist jeder Augenblick, in dem ich es nicht tue und nicht daran denke, ein Erfolg.

Alles, was ich tue und erlebe, verändert das Gehirn

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Es liegt an uns, ob unser Gehirn mehr Potenzial entwickelt oder verarmt. Alles, was ich tue, kann zur Vielfalt in meinem Gehirn beitragen.
Wenn ich aktiv bin, mich bewege, kommuniziere, an verschiedenen Orten bin, dann werden viele verschiedene Eindrücke im Gehirn und neue Verbindungen aktiviert. Wenn ich oft monoton das Gleiche mache, wenig Abwechslung im Alltag habe, dann schrumpfen die Verbindungen, die nicht mehr gebraucht werden. Aber es ist ja nicht so schwer, aus dem Haus zu gehen, jemanden anzurufen oder ein spannendes neues Buch zu lesen, oder?
Ich entscheide die ganze Zeit, in welche Richtung ich gehen möchte. Jeder Augenblick, jede Handlung bekommt damit Bedeutung. Ist das nicht wundervoll?

Entspanntes lernen

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Nein, denkst Du vielleicht. Noch etwas, was ich fit halten muss neben meinem Herzen, meiner Venen, meiner Muskeln, meiner Verdauung und überhaupt. Keine Zeit? Keine Energie? Zu viel Verantwortung?
Die gute Nachricht? Du kannst Dich entspannen – das ist sogar die Grundlage für das Lernen und positive Verändern des Gehirns. Wichtig ist auch genug und guter Schlaf. Denn tatsächlich lernen wir im Schlaf.

Wir müssen nichts extra tun, um unser Gehirn plastisch – also beweglich – zu halten, wenn Du damit Übungen oder Extra-Aktivitäten meinst. Es reicht zu lernen, die Dinge, die wir tun, auf eine andere Weise zu tun.

Auf welche Weise? Zuerst mach Dir bewusst, was Du tust. Wir haben viele Gewohnheiten, die wir abspulen, ohne es zu merken. Automatisches Verhalten ist für unser Gehirn wenig interessant.
Du kannst Dich selbst beobachten: wenn ich am Esstisch sitze, sitze ich immer am selben Platz? (Wahrscheinlich.) Wohin schaue ich, wenn ich dort sitze, eher auf den Tisch, aus dem Fenster, auf ein Bücherregal? Was ist immer gleich, was ist unterschiedlich?

Das können wir auf alle Bereiche unseres Alltags anwenden: wie steige ich ins Auto ein und aus? Wie betrete ich das Haus oder die Wohnung? Wie verhalte ich mich den Menschen gegenüber, die mir jeden Tag begegnen? Wie Unbekannten gegenüber?

Beginnt Dein Kopf schon zu rauchen? Das ist in Ordnung und bedeutet, dass sich da etwas tut. Es reicht völlig, wenn Du Dir ab und zu anschaust, was Du da gerade machst, wie es sich anfühlt, auf welchem Bein mehr Gewicht ist oder was immer Du in diesem Moment spannend findest.

Neugier erwünscht, Spielen erlaubt

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Wie steht es um Deinen Spieltrieb oder für Erwachsene Deine Experimentierfreude?
Das ist doch etwas für Kinder? Oh nein. Genau das ist es, was uns in entspanntem Zustand Variationen kennenlernen, Neues entdecken und anders auf die Welt schauen lässt.
Entwickle Neugier. Es ist Training für das Gehirn, wenn wir in unserem Alltag ab und zu kurz inne halten in dem, was wir tun, und ausprobieren, es auf eine etwas andere Weise zu tun. Der perfekte Zustand, um das bewegliche Gehirn zu erhalten und zu gestalten.

Als Feldenkraislehrerin liegt es für mich nahe, meinen Kontakt zum Boden oder, wenn ich sitze, zum Stuhl zu spüren – was passiert, wenn ich das Gewicht verlagere, mich anders hinsetze, wie lange dauert es, bis ich wieder unbewusst in meine gewohnte Position zurückkehre?
Wie atme ich? Wie schwer ist mein Arm, wenn ich ihn heben? Kann ich anders zur Tastatur oder zum Telefon greifen?

Im Alltag können wir vielleicht einfach mal einen anderen Weg zur Arbeit fahren, die Zahnbürste oder Kaffeetasse in der anderen Hand ausprobieren, ein neues Gewürz beim Kochen verwenden, die Hundeleine in der anderen Hand halten. Dir fallen bestimmt noch tausend andere Sachen ein.

Wirklich befreiend kann es auch sein, Dinge absichtlich mal schlampig oder falsch zu machen. Wenn wir Fehler machen, erweitern wir unseren Horizont!

Nochmal zur Übersicht

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Sich bewusstwerden, was man tut. Soweit es geht, entspannen. Gut schlafen. Neugierig sein: Wie kann ich es anders machen? Entdecke Neues, experimentiere mit verschiedenen Wegen, etwas zu tun. Mache absichtlich etwas falsch. Freue Dich darüber.

Das ist es. Mehr ist nicht nötig. Kannst Du Dir vorstellen, dass das Leben dadurch reicher und bunter wird?

Weiteres zum Thema: Fehler sind (über)lebenswichtig! – Manchmal ist falsch richtig